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Zeitschriften wie "HiFi Stereophonie" oder "FonoForum" waren es, die HiFi und Stereo in Deutschland überhaupt erst bekannt gemacht haben. Sie waren zwar klein, ihr Engagement für eine ordentliche Klangwiedergabe statt "Musiktruhe" war aber besonders für aufgeklärte jüngere Leser so überzeugend, dass das Thema auch von Publikumszeitschriften aufgegriffen wurde und tatsächlich bessere Anlagen in die Wohnzimmer kamen.

Renommierte Verlage brachten sogar Bücher dazu heraus. Bei Insidern war zum Beispiel "HiFi Hören" von H.J. Nisius bekannt, wo der Untertitel "Sie hören es" schon die Kernaussage enthielt: Gute Klangwiedergabe ist so eindrücklich, dass man kein "audiophiler Spezialist" sein muss, um sie zu erkennen.

Für Einsteiger gab es bei "dva" den Titel "Der Klang macht die Musik" von Alexander Spoerl. Da wurden unterhaltsam aber fundiert der Wert guter Klangwiedergabe und technische Grundlagen erklärt. Schon damals konnte man dort lesen, dass die fortschrittliche Aktivtechnik jetzt von den Rundfunkanstalten auch in die Wohnzimmer komme. Sogar einen Ausblick auf die Regelungstechnik gab es bereits: "Und als nun in den Boxen die ihnen eigenen Verstärker steckten, gingen die Konstrukteure konsequent noch einen Schritt weiter: Die eingebauten Verstärker tasten die Membran ab, prüfen, ob die auch genauso schwingt, wie ihr an Impulsen zugeschickt, keinen eigenen Unfug anstellt, überwachen sie und regeln im Notfall so schnell zurecht, dass eventuelle Fehler gar nicht erst in Ihr Ohr gelangen ('motional feedback')."

Nach diesem Ausflug in die Zukunft führte der nächste Absatz aber schnell wieder in die Gegenwart: "Und darum zurück auf die Erde: Beredte Händler bügeln Sie - die Naiven - mit Fachwörtern nieder." (Es folgte eine Aufzählung technisch klingender Werbesprüche.)

Musikwiedergabe mit echten Klängen und die technischen Leistungen waren allgemein anerkannt und der Diskurs war kulturorientiert, ernsthaft und technisch qualifiziert. Durchaus naheliegend, denn bei kaum einem anderen Thema wird Kultur als Einheit von Emotionen und Technik so unmittelbar spürbar wie bei der Wiedergabe von Klängen und Musik.

In den folgenden Jahren hat sich die öffentliche Wahrnehmung aber radikal verändert.

Unter dem Titel "Seidige Mitten, strähniger Klang" schrieb "Der Spiegel" zum Beispiel: "Das Streben nach höchstem Hörgenuss verführt zu bizarren Investitionen: Hi-Fi-Freaks schwören auf Lufttuning, Klangschalen und unverfälschten Strom." (Der Artikel nennt Beispiele, die auch heute noch erstaunlich aktuell sind. https://www.spiegel.de/wissenschaft/seidige-mitten-straehniger-klang-a-dd370776-0002-0001-0000-000043960848?context=issue

Oder die "Welt" 2016: "Wer glaubt, das Esoterik-Business sei unseriös, der hat sich noch nie mit der Hifi-Szene befasst. Was dort an Blödsinn angeboten wird, spottet jeder Beschreibung." ( https://www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article160310721/Hightech-Bloedsinn-Die-wunderbare-Welt-der-Hifi-Esoterik.html ).

Wie aber kam es zu dieser drastischen Änderung?


Sie begann wohl, als HiFi von einem Liebhaberthema für Kenner zu einem interessanten Markt wurde. Verlage, die sich bisher mit Autos oder Telefonbüchern beschäftigt hatten, führten den Boulevardjournalismus jetzt auch bei HiFi ein. Statt für ein paar tausend Abonnenten waren die Blätter nun für hunderttausende Leser an den Kiosken ausgelegt. Mit reißerischen Überschriften und tollen Fotos wurden monatlich sensationelle Neuerungen vorgestellt und es fehlten auch nicht die Stories über Personen aus der Szene. Die Auflagen stiegen rasant, wurden mit "Bestenlisten" und fein abgestuft halluzinierten "Klangpunkten" weiter befeuert und die Szene ähnelte immer mehr der Gesellschaftssatire "Kir Royal".

Das Unterfangen, überkommene technische Konzepte mit der Beschreibung der Klänge von "Basen" oder Kabeln aufzublähen, kam uns schon immer vor, als versuche jemand, ein Hemd anzuziehen, dessen Ärmel zugenäht sind. Das liefert zwar unterhaltsame Geschichten, aber keinen Fortschritt.

Natürlich merkten die Leser mit der Zeit, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zuging, hatten aber verständlicherweise keine Lust, Hintergründe zu analysieren, nur um die HiFi-Idee hochzuhalten. Die meisten verließen einfach das ganze Thema und eine Minderheit eröffnete als "High End" eine neue Blase.

In den Medien sind wie ein Echo nur ein paar armselige Phrasen übrig geblieben. In einem der verbliebenen Magazine zum Beispiel (Februar 26): "Röhrenwärme für Silberscheiben" oder "Donnerschläge für Anspruchsvolle". Solche Vorstellungen von Klangerlebnis wirken aber auch in anderem Zusammenhang heute nur noch so lächerlich wie : "E-Autos mit 'V8-Soundgewitter' - was soll das?" (spiegel online 14.6.26).



Was aber sagten Fachleute, die es natürlich auch in der Audiotechnik gibt?

Clevere passten sich geschickt an und verkaufen als Influenzer eigene Klangmärchen in Internetforen. Andere posten kaum etwas in sozialen Medien und werden kaum gehört.


Jörg Wuttke z.B., ein Urgestein der Audiotechnik, der über viele Jahre die Mikrofonentwicklung der Dr. Schoeps GmbH geleitet hat, nennt als entscheidenden Punkt: "Man stelle sich nur einmal vor, dass ein Tester keinen Unterschied hört! Er würde sich damit doch gegenüber jedem Kollegen disqualifizieren, der mutig von deutlichen Unterschieden berichtet, ob sie nun tatsächlich gegeben sind oder auch nicht. Auch der Käufer, der viel Geld ausgegeben hat, kann es sich in verschiedener Hinsicht nicht mehr leisten, sich mit der Wahrheit auseinander zu setzen.

https://ingwu.de/mikrofontechnik/mikrofonaufsaetze/28-14-das-mikrofon-zwischen-physik-und-emotion.html

Klangliche Erleuchtungen werden aber nicht einfach nur geschildert, sondern mit technischen Spitzfindigkeiten so dargestellt, dass Laien sie für Perfektionismus halten. Fachleute lassen sich dann darauf nicht ein.

W
uttke weiß, wie wichtig, komplex, aber auch faszinierend Klangwiedergabe ist und empfiehlt allen Käufern, noch einmal das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern zu lesen, bevor er den Bewertungen in gedruckten oder sozialen Medien folgt.

Kurzfassung: ( https://de.wikipedia.org/wiki/Des_Kaisers_neue_Kleider )



Aber ist in der Technik nicht alles verifizierbar und haben nicht schon die HiFi-Pioniere immer gesagt, dass saubere Klangwiedergabe auch für jedermann hörbar ist? Kann dann Audiotechnik trotzdem eine dubiose schwarze Kunst sein?
 
Natürlich war sie das auch nie. Vielleicht haben nur ein paar "Blattmacher" geglaubt, man könne ein anspruchsvolles Thema unterhaltsam verschrotten, um es massentauglich zu machen.

Zusammen mit den aufkommenden sozialen Medien hat das zwar die HiFi-Landschaft verzerrt, kann ein Thema mit so viel Substanz aber nicht ernsthaft beschädigen und auch die Macht der Medien hat Grenzen, weil man zwar "... alle Leute eine Zeitlang an der Nase herumführen, und einige Leute die ganze Zeit, aber nicht alle Leute alle Zeit." (Abraham Lincoln
)

Außerdem sind manipulative Methoden auch in anderen Bereichen der Gesellschaft so weit verbreitet, dass die Menschen inzwischen auch bei HiFi kritischer werden. Zum Beispiel:

  • "Klangliche" Zweifel streuen, egal ob an einzelnen Geräten oder der ganzen Aktivtechnik und als Abhilfe Quacksalbe anbieten.
  • Unwissen als "Technologieoffenheit" positiv verkaufen.
  • Bewertungen mit "Klangpunkten" und "Bestenlisten" wie einen sportlichen Wettkampf erscheinen lassen.
  • Abhandlung technischer Details wie eine Seifenoper inszenieren.
  • Leser zu Mitgliedern einer Gemeinschaft formen. Aus einem sozialen Medium wird dann ein sozialisierendes Medium. Zum Beispiel, indem sich Mitglieder mit Bildern ihrer Anlagen vorstellen müssen, dann beim "Posing" gelobt werden, beim "Tuning" ihre Fähigkeiten zeigen und die Forenführer bestimmte Anbieter mit Attributen wie "unser Genie", "unsere Koryphäe" oder "unser genialer Helfer" auf die Beziehungsebene heben. Wenn das gelingt, entsteht ein Art Stammtisch, dessen Klangbewertungen zu Expertenmeinungen erklärt und gegenüber Laien als Werbung eingesetzt werden können.


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